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Victualis Naturheilpraxis - Heilpraktikerin Anne Becker

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Grenzen zeichnen scharfe Konturen des Selbst

Artikel für die clio 100 (Mai 2025)

Im Alltag ist es oft notwendig an den richtigen Stellen die passenden Grenzen zu setzen oder bereits gesetzte Grenzen aufzuzeigen. Es dient dazu unsere Zeit, unser Eigentum und uns selbst zu schützen.
Meist handelt es sich um kleinere Situationen der Grenzüberschreitung, die wir jeden Tag erleben: jemand erzählt endlos und ausschweifend ungefragt über ein Thema oder fremde Menschen stellen sehr persönliche, intime Fragen. Weitere Grenzverletzungen sind: das nicht Wahren des körperlichen Abstands oder das Überhäufen von Arbeit, die zeitlich nicht zu schaffen ist. Hierbei scheint es so, als würde das Gegenüber keine Rücksicht und auch keine Empathie zeigen. Ist das wirklich so?
Oft sind solche Grenzüberschreitungen in Wirklichkeit nur ein Antesten der persönlichen Grenzen, wenn uns ein Reaktionspartner nicht wirklich gut kennt. Hier wird versucht, wie weit kann derjenige gehen, bis eine Grenze aktiv von uns gesetzt wird. Gelegentliche Überschreitungen der Grenzen gehören also zum Alltag dazu, um Grenzen bei anderen Menschen zu entdecken und ein gesundes Miteinander leben zu können.

Feinfühlige, empathische Menschen gehen davon aus, dass das Gegenüber doch wissen müsste, was sich gehört, was gesellschaftlich akzeptiert ist oder wo genau die persönlichen Grenzen liegen. Denn sensitive Menschen erfühlen die Grenzen des Gegenübers und respektieren diese unausgesprochen. Sie gehen davon aus, dass alle Menschen dazu in der Lage sind. Und hierin liegt nun auch die große Herausforderung: 70% aller Menschen sind nicht feinfühlig genug um persönliche Grenzen zu erfühlen. Eine klare und deutliche Kommunikation ist notwendig, um den Menschen im Umfeld eine Art Leitfaden, einen Grenzplan, an die Hand zu geben.

Das klingt eigentlich ganz einfach, dennoch fällt es den meisten Menschen sehr schwer sich mit klaren, direkten Worten abzugrenzen. Ursachen hierfür kann die tiefsitzende unbewusste Angst vor Konsequenzen oder Ablehnung sein. Diese Angst ist eine Art Schutzmechanismus aus Kindertagen und ist auch tiefverwurzelt in den uralten Mechanismen der Völkerstämme. „Was könnte passieren, wenn ich eigene Forderungen stelle, darf ich das überhaupt ohne aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden?“ Diese Frage ist berechtigt, denn in grauer Vorzeit, als Menschen in Stämmen zusammenlebten, musste sich jeder Einzelne dem Stamm unterordnen. Nur so konnten alle Menschen in dieser Gesellschaft überleben. Die heutige Welt scheint eine Welt der Einzelgänger und Individualisten zu sein. Viele Menschen drehen sich nur noch um sich selbst. Die Gemeinschaft in der sie leben spielt für das Überleben nur noch eine untergeordnete Rolle. Müssten sich diese Menschen entscheiden zwischen sich selbst und einer friedvollen Gesellschaft, würden sie sich jederzeit für sich selbst entscheiden, denn gefühlt brauchen sie den Stamm nicht mehr. Um ruhig und friedlich in dieser neuen Welt existieren zu können, müssen wir klare Grenzen ziehen, andernfalls werden wir sprichwörtlich überrannt.

Und dennoch ist da diese Angst: andere Menschen könnten uns als zickige, unsympathische, schwierige Person einschätzen oder andere Menschen könnten uns ablehnen, verlassen und beruflich gesehen entlassen. Das sind hervorragende Gefühle, denn sie schützen uns vor übertriebenen Reaktionen. Wenn diese Ängste jedoch lähmend wirken, besitzen sie einen zu starken Einfluss auf unser Leben. Was tun?


Schritt 1: die akute Grenzüberschreitung

Im ersten Schritt ist es notwendig die eigene Aufmerksamkeit, die dem Gegenüber und seinen Forderungen gewidmet ist, wieder auf sich selbst zu richten: „Was möchte ich oder was möchte ich nicht in dieser Situation?“ Die Antwort auf diese Frage gilt es dann klar zu formulieren und möglichst emotional neutral, freundlich und bestimmt auszusprechen. Um souverän zu wirken und dem Gesagten Nachdruck zu verleihen ist es wichtig, sich nicht für diese gesetzte Grenze zu entschuldigen und nicht darum zu betteln, dass diese Grenze eingehalten wird.

Ist es dir unangenehm diese Abgrenzungen auszusprechen? Dann sei dir versichert, dass dies ein vollkommen normaler Prozess ist und dein Gegenüber, soweit er psychisch gesund ist, absolut dankbar sein wird, wenn du ihm sagst, wie weit er bei dir gehen darf. Auf diese Weise entsteht bei deinem Reaktionspartner eine Art Sicherheitsgefühl im Umgang mit dir und dies wiederum fühlt sich für dein Gegenüber sehr angenehm an.


Schritt 2: die Gebrauchsanweisung

Wie reagierst du in bestimmten Situationen? Was macht dich wütend oder traurig? Wo sind deine persönlichen Grenzen? Was sind deine NoGos? Mache dir selbst bewusst, wo deine Grenzen liegen. Denn nur wenn du genau weißt, was für dich okay ist und was nicht, kannst du es auch im Ernstfall klar formulieren. Schreibe all diese Punkte auf. So entsteht nach und nach eine individuelle Gebrauchsanweisung für dich als Persönlichkeit.

In jeder Situation wirst du souverän und gelassen Grenzen setzen können, weil du dir selbst über deine persönlichen Grenzen bewusst bist.


Schritt 3: War das so schlimm?

Kinder können ganz natürlich Grenzen setzen. Warum können wir das als Erwachsene nicht mehr? Wahrscheinlich liegt es daran, dass Eltern oft versuchten die Gefühle der Kinder herunterzuspielen mit Sätzen: „Das ist doch nicht so schlimm.“ oder „Nun hab dich doch nicht so, warum regst du dich so auf?“ Kinder verschieben daraufhin ihre eigenen Grenzen zu Gunsten der Eltern. Das natürliche Grenzensetzen wird so verlernt. In diesen Fällen ist es hilfreich mit engen Freunden über aktuelle Situationen zu sprechen, denn Freunde schauen sich diese Dynamiken neutraler, mit wenig emotionaler Beteiligung an. Manchmal ist es hilfreich die eigene Reaktion mit den Reaktionen von Freunden abzugleichen, um dann besser fühlen zu können, ob es tatsächlich eine Grenzüberschreitung war.


Schritt 4: Hilfe ich kann nicht Nein sagen

Oft es notwendig ein klares „Nein“ auszusprechen, um Grenzen zu setzen. Hast du dich wiedermal bereit erklärt beim Umzug zu helfen oder die Aufgaben der Kollegin zu übernehmen, obwohl du keine Lust, Zeit und Kapazität dafür hast, nur weil du nicht Nein sagen kannst? Und hast du dich im Nachhinein darüber geärgert?

Falls du nicht Nein sagen kannst, weil du du dich überrumpelt fühlst von der Anfrage deiner Bekannten oder Kollegen, beginne mit einem weichen Nein:

„Ich kann leider im Moment nicht sagen, ob ich dafür Zeit (Kapazität, Kraft, Ausdauer, Mut...) habe. Ich gebe dir Bescheid, wenn ich zusagen kann.“ Mit diesen Sätzen hast du nun ausreichend Zeit gewonnen und kannst dir in Ruhe überlegen, ob du wirklich bereit bist die unterschiedlichen Projekte aktiv zu unterstützen.


Schritt 5: wiederkehrende Grenzüberschreitungen

Das Antesten von Grenzen und das einmalige unwissende Überschreiten von Grenzen gehören zum Alltag dazu. Was ist zu tun, wenn jemand bereits gesetzte Grenzen immer wieder überschreitet, weil die Abgrenzung nicht respektiert wird?

Die erste Frage lautet hier:
„Hast du deine Grenze klar und deutlich formuliert?“ Wenn ja, dann wiederhole mit klaren Worte deine Abgrenzung, sage deutlich, dass du dies kein weiteres Mal akzeptieren wirst.

Die zweite Frage lautet:
„Welche Konsequenzen bist du bereit zu zeigen bei einer weiteren Grenzüberschreitung?“ Formuliere auch diese Antwort klar und spreche sie freundlich, jedoch bestimmt aus.

Die dritte Frage lautet:
„Lasse ich es zu?“ Menschen wollen gesehen und geliebt werden und haben deshalb oft Angst vor Ablehnung. Diese Angst verleitet sie jedoch dazu Dinge zu akzeptieren, die sie verletzen oder wütend machen. In einigen Fällen lassen die Menschen Grenzüberschreitungen unbewusst zu, aus Angst verlassen zu werden. Sie wollen dem Gegenüber gefallen, sie wollen nett sein. Hör auf nett zu sein, sei du selbst, stehe zu dir, setze klar formulierte Grenzen und zeige somit anderen Menschen, metaphorisch gesehenen, deine Konturen.

Die vierte Frage lautet:
„Kannst du einen Schritt zur Seite gehen?“ Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Das Leben meistert man lächelnd - oder gar nicht!“ Mache dir bewusst, dass du andere Menschen nicht ändern kannst. Die Verhaltensweisen von Menschen, die immer wieder deine klar formulierten und gesetzten Grenzen überschreiten kannst du nicht verändern. Du kannst nur überlegen, ob du dich in den speziellen Situationen anders verhalten kannst oder ob du vorbeugend Maßnahmen ergreifen möchtest, um diese Situationen zu vermeiden. Sei kreativ, mache einen Schritt zur Seite und nehme dich selbst als Angriffspunkt vom Spielfeld.

Jeden Tag können wir durch den zwischenmenschlichen Kontakt, vor allem in schwierigen Situationen, mehr über uns selbst und die anderen Menschen lernen. Oft hilft es in besonders anstrengenden Situationen die Perspektive zu wechseln und die Herausforderung anzunehmen, die uns das Leben bietet. Dann können wir zulassen, dass wir uns persönlich weiterentwickeln und Freude über die Mannigfaltigkeit des Lebens empfinden.